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Bjaka, Buka und die Jahreszeiten

Tatiana Lyapin


illustriert von Liubov Pavlova

übersetzt von IF-Localization GmbH


Leseprobe
(2 Kapitel aus 21)




        In einem kleinen Land, hoch in den Bergen, lebten zwei Brüder: Bjaka und Buka. Ihr Häuschen war tief im Wald versteckt, auf der einen Seite von Efeu umrankt und auf der anderen bis unter den Schornstein mit Moos bewachsen. Sie lebten bescheiden und abgeschieden, ganz wie einfache Menschen, doch waren sie in Wahrheit mächtige Zauberer.
        Bjaka war ein lustiges kleines Männlein mit kurzen Ärmchen und Beinchen, einem flauschigen gestreiften Schwänzchen, einem ulkigen aufgeplusterten Schnurrbart und einer spitzen Nase. Er war rothaarig und hatte je drei Sommersprossen beiderseits der Nase. Buka jedoch hatte langes dunkelbraunes Haar – genau so dunkel wie sein Schwanz, der mit kurzem, glänzendem Fell bewachsen war. Obwohl Buka schon tausend Jahre alt war, sah er aus wie ein magerer 12-jähriger Junge mit traurigen Augen und einem wehmütigen Lächeln. Unfug trieb er jedoch genau so gern wie Bjaka, der ohne Streiche einfach nicht leben konnte. Eines Tages….







3. Bjaka und Buka finden ein Kätzchen

        Eines Abends, als die Sonne längst hinter dem Gipfel des Berges verschwunden war, der aussah wie ein zweiköpfiger Drache, und Dunkelheit das kleine Häuschen einhüllte, saßen Bjaka und Buka gemütlich am wohlig warmen Ofen und tranken duftenden Tee. An der Wand tickte die große Kuckucksuhr. Tick-tack. Im Ofen knisterte das Holz und von Zeit zu Zeit knackte es laut. Knister, knister, knack!
        Vor dem Fenster raschelte das Laub der Bäume und alle Waldbewohner bereiteten sich auf das Schlafengehen vor. Das Eichhörnchen verspeiste die letzte Nuss, die Maus krabbelte tief in ihr Mauseloch und die Vöglein machten es sich auf den Zweigen der Bäume bequem und zwitscherten nur ab und an noch leise. Am Nachthimmel erschien der Mond. Heute war er besonders groß, hell und rund. Ringsum war alles still und friedlich, wie es nur abends im Wald hoch in den Bergen der Fall ist. Da, plötzlich...
        „Miau“, tönte es durch den nächtlichen Wald, „miau, miau, miau!“
        Alle wunderten sich. So ein lautstarkes „Miau“ hatten sie in diesem Wald noch nie gehört.
        „Huch“, prustete Bjaka und verschluckte sich vor Schreck am heißen Tee, und Buka blieb ein riesiges Stück Keks im Halse stecken und alles, was er sagen konnte, war:
        „Umh“.
        „Miau“, drang es durch den Wald.
        Den Brüdern blieb nichts weiter übrig, als ihre Mäntelchen anzuziehen, je eine große Kerze in die Hand zu nehmen und sich aufzumachen, um nach dem Verursacher des lauten Maunzens zu suchen. Lange liefen sie kreuz und quer, stolperten über Wurzeln und stöhnten.
        „Aua!“
        „Miau“, klang es zurück.
        Plötzlich verhakte sich Bukas Fuß wieder einmal in der Wurzel einer großen Birke und er fiel der Länge nach ins weiche Moos. Mit dem Gesicht im Moos zu liegen, war unbequem. So drehte er sich also auf den Rücken und da erblickte er im Mondlicht hoch über sich in den Zweigen des Baumes zwei funkelnde gelbe Augen.
        „Miau“, tönte es erneut durch den Wald, „miau!“.
        „Wer ist das?“, rief Buka erschrocken.
        Eilig kam ihm Bjaka zu Hilfe. Als Erstes half er Buka auf die Beine und dann blickten sie beide nach oben. Leider war es so finster, dass außer den großen funkelnden Augen nichts zu sehen war.
        „Ich hab’s“, sagte Bjaka plötzlich.
        Er kratzte sich hinter dem Ohr und murmelte:
        „Kola, bola, bjaka, buh; Kerze, leucht’ zum Himmel, du“.
        Im selben Moment flammte die Kerze in seiner Hand auf und schickte einen hellen Strahl in den nächtlichen Himmel.



        „Oh je“, seufzten Bjaka und Buka gleichzeitig, denn im hellen Lichtschein sahen sie endlich, wer sich dort oben im Baum versteckt hielt.
        Habt ihr erraten, was es war? Natürlich, ein Kätzchen! Ein kleines graues Kätzchen war ängstlich auf einen Baum geklettert und maunzte kläglich, weil es nicht mehr herunter kam.
        „Kola, bola, bjaka, buh, Kerze, nun verlösche, du“, sagte Bjaka schnell, damit das helle Licht das Kätzchen nicht zusätzlich verängstigte.
       Die Kerze erlosch. Erneut war es ringsum dunkel. Buka schleppte eine große Leiter aus dem Haus herbei. Er lehnte sie an den Baum, kletterte flink hinauf und holte das Kätzchen auf die Erde.
        Dann brachten Buka und Bjaka das Kätzchen ins Haus und gaben ihm eine große Schale mit Milch und darin eingeweichtem Brot zu fressen. Hungrig machte es sich unter lautem Schnurren darüber her. Schnurrrr, schnurrrrr...
        Als das Kätzchen satt war, bereiteten ihm die beiden ein Nachtlager auf dem warmen Ofen.
        Am Morgen, als es ausgeschlafen hatte, brachten sie das verirrte Kätzchen ins Dorf zurück und ermahnten es, niemals wieder von zu Hause wegzulaufen.



14. Bjaka und Buka lassen einen Drachen steigen

        Ganz plötzlich war es Frühling geworden. Eine ungewöhnlich warme und strahlende Sonne beschien die Hänge der Berge. Überall taute es und das Wasser lief in plätschernden Bächlein hinab ins Tal. Da, wo sich bis vor kurzem noch Schneewehen getürmt hatten, erblühten die ersten Frühlingsblumen. Im Wald, der aus dem Winterschlaf erwacht war, zwitscherten hell die Vögel.
        Bjaka liebte den Frühling sehr. Zu dieser Zeit war ihm immer nach Singen zumute. Er wollte fröhlich durch die Pfützen laufen und all das tun, was er zu einer anderen Jahreszeit um keinen Preis getan hätte. Und diesmal fand Bjaka eine Beschäftigung, die ihm tatsächlich so richtig Spaß machte. Er stand mit beiden Beinen in einem kleinen Bächlein aus Tauwasser und warf Hölzchen hinein. Das Bächlein gluckste flink den Hang hinab und trug die kleinen Schiffchen mit sich fort. Bjaka beobachtete ihre Reise mit großem Vergnügen. Wenn ein Hölzchen am Ufer strandete, ärgerte ihn das sehr.
        „Ja, was machst DU denn“, rief er dann laut und stampfte mit dem Fuß. Hatte jedoch eines der Hölzchen seine Reise erfolgreich fortgesetzt und war hinter der nächsten Biegung verschwunden, sprang er freudig auf und ab, klatschte vor Begeisterung in die Hände und schrie aus voller Kehle:         „Gewonnen! Wir haben gewonnen! Wir haben gewonnen! Buka, Buka, schau, es ist fort, davongeschwommen, tralala, tralala.“
        Zur selben Zeit saß Buka auf dem Bänkchen vor dem Haus und bastelte an einem Drachen in Form eines großen Schmetterlings. Das war schwierig und man musste sehr aufmerksam und vorsichtig sein. Buka hatte bereits große bunte Flügel aus leuchtendem Stoff angefertigt und an kleinen Holzleistchen befestigt. Nun war er dabei, dem Schmetterling einen hübschen langen Schwanz aus rotem Papier anzuheften.
        Bjakas Geschrei ging ihm gehörig auf die Nerven. Es lenkte ihn von der Arbeit ab, sodass er gar nicht damit fertig wurde. Er brummte verärgert, und als dem Drachen nur noch eine lange Schnur fehlte, hielt er es nicht mehr aus, kratzte sich unauffällig hinter dem Ohr und flüsterte:
        „Mene, bene, Buka, land, Schiffchen, laufe schnell auf Sand.“
        Eben hatte Buka dies ausgesprochen, da sprangen Bjakas Hölzchen sofort wieder an Land, kaum, dass sie das Wasser berührt hatten. Bjaka wurde böse, stampfte mit dem Fuß und verstand einfach nicht, warum sie nicht mehr schwimmen wollten. Doch so lenkte er Buka nicht mehr von der Arbeit ab und bald war der Drachen fertig.
        „Bjaka, komm, wir lassen den Drachen steigen“, rief Buka und hüpfte vor Ungeduld auf und ab.
        Bjaka ließ erfreut von seiner Beschäftigung ab, die ihm ohnehin schon langweilig geworden war, erreichte doch nicht ein einziges seiner Hölzchen die nächste Biegung, und lief hinter Buka her auf die große Waldwiese.
        Der Tag war herrlich, doch es wehte kein Wind. Und das war schlecht, denn ohne Wind wollte der Drachen nicht aufsteigen. Buka lief und lief, zerrte an der Schnur und warf den Drachen in die Luft, doch es half alles nichts. Der Schmetterling stürzte immer wieder ab und blieb als bunter Fleck auf der Wiese liegen. Vor Enttäuschung war Buka den Tränen nah und er tat Bjaka leid. Er stellte sich etwas abseits, kratzte sich hinter dem Ohr und murmelte leise:
        „Sause, brause, Bjaka, he, Windchen, komm herbei und weh’.“


        Und da erhob sich tatsächlich ein Wind, erfasste den Drachen und entführte ihn hoch in die Lüfte direkt bis in den Himmel. Die Schnur spannte sich in Bukas Hand, so dass Bjaka Angst haben musste, der Drachen würde womöglich mit ihm davonfliegen, doch der lachte laut, lief dem Drachen hinterher und hielt dabei die Leine fest in der Hand.
        „Hurra, er fliegt! Er fliegt“, kreischte er fröhlich.
        Nach drei Runden um die Wiese hielt Buka, ganz außer Atem, Bjaka die Leine hin:
        „Willst du auch mal?“
        „Klar“, antwortete Bjaka und fasste die Drachenschnur.
        Ihn zu lenken, war gar nicht so einfach, wie sich herausstellte. Der Drachen zog kräftig an der Leine, überschlug sich und stieg immer höher, doch was für ein Vergnügen war es, hinter ihm herzulaufen! Dann reichte Bjaka die Schnur wieder Buka und rannte lachend neben ihm her, so lange, bis er wieder an der Reihe war. So verbrachten sie fröhlich den ganzen restlichen Tag damit, immer abwechselnd den Drachen zu lenken, der als heller Fleck durch die Lüfte flog, während sein roter Schwanz lustig im Winde flatterte.





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